Partnerschaft
Warum ist es immer so schwierig mit uns- und warum bin ich schon wieder an den Falschen geraten?
10. Juni 2019
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Bei der Heirat sagen wir „Ja“ zu unserem Partner- das glauben wir zumindest. Später stellt der ein oder die andere vielleicht fest, dass er/sie nur „Ja“ zu dem Bild gesagt hat, was er/sie bis dahin vom anderen hatte. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass wir in der Verliebtheitsphase den anderen durch eine rosarote Brille sehen – so, wie wir ihn vielleicht auch gerne hätten. Später werfen sich Paare gegenseitig vor, dass der andere sie getäuscht habe; vielleicht aber nur, weil sie noch nicht alle Seiten von ihm kannten. Es sollte also nicht nur heißen: „In guten wie in schlechten Zeiten…“ sondern auch: „Mit deinen guten und deinen schwierigen Seiten“, denn wir können/müssen „Ja“ zu dem ganzen Menschen sagen, mit dem wir eine Beziehung wollen.

Nun gibt es aber nicht nur die Seiten, die wir erst im Laufe einer längeren Beziehung von einander kennen lernen, sondern es gibt auch Anteile, die dem Menschen selber nicht bewusst sind – die er also quasi vor sich selber verborgen hält (durch psychische Abwehrmechanismen wie Verdrängung, Verleugnung, Idealisierung, Rationalisierung usw.)

Und dann kommt hinzu, dass jede(r) von uns sich wünscht, dass er/sie durch eine glückliche Partnerschaft seine früheren Wunden heilen kann – und das kann bei einer gelungenen Partnerschaft ja durchaus auch ein Stück weit gelingen! Wenn – ja, wenn nicht der Partner auch seine Verletzungen mit brächte, und deswegen nicht immer empathisch und souverän reagieren kann, sondern manchmal selber bedürftig ist. Und das prallt dann besonders in Konfliktsituationen aufeinander.

Aber der Reihe nach:

Wenn jemand in einer Paarbeziehung (und damit meine ich nicht nur Liebesbeziehungen: es betrifft auch andere Beziehungen wie z.B. die mit den Arbeitskollegen) besonders stark reagiert (also heftiger, als die Situation es erklären kann), dann ist es wahrscheinlich, dass wir es mit einem früheren Ich – Anteil zu tun haben. Damit ist gemeint, dass wir an ähnlichen Stellen als Kind erlebt haben, dass unser Grundbedürfnis nicht geschützt wurde. Das Kind entwickelt dann Strategien, um mit diesen Verletzungen klar zu kommen, denn es kann die Situation ja noch nicht begreifen und auch nicht mit den Eltern darüber diskutieren.

Ein Beispiel:

Eine alkoholabhängige Mutter schimpft mit ihrem fünfjähren Sohn, der mit seinen Autos im Wohnzimmer spielt und dazu Geräusche macht. Sie möchte jedoch ihren Rausch ausschlafen und sagt ihm – durch den Alkohol enthemmt – dass es der größte Fehler ihres Lebens war, ein Kind zu bekommen. Der kleine Junge (der ja von der Liebe und Anerkennung seiner Mutter abhängig ist), glaubt, dass er etwas falsch gemacht hat und denkt: „Ich bin nicht o.k., so wie ich bin – sonst wäre die Mama nicht so böse mit mir“. Er kann ja nicht zu seiner Mutter gehen und ihr z.B. sagen: „Liebe Mama, es ist nicht in Ordnung, dass Du schon morgens so viel Alkohol trinkst und so aggressiv bist. Ich glaube, Du hast ein Alkoholproblem und solltest Dir Hilfe holen! Wenn ich hier als Kind spielen möchte, dann ist das mein gutes Recht!“.

Stattdessen entsteht – wenn solche Situationen immer wieder vorkommen – eben der Glaubenssatz „Ich bin nicht o.k.“ und eine Abwehrstrategie, um mit diesem schrecklichen Gefühl besser klar zu kommen. Das kann z.B. bedeuten, dass der Junge lernt, sich unsichtbar zu machen, wenn seine Mutter in einer aggressiven Stimmung ist. Und er wird eine Antenne dafür entwickeln, wie die Atmosphäre zu Hause ist, bevor seine Mutter überhaupt etwas gesagt hat. Und vielleicht wird er auch Jahre später als Erwachsener immer dann, wenn eine Frau etwas von ihm einfordert (auch, wenn es sogar berechtigt ist) – sich zurückziehen und schweigen.

Unser Partner/ unsere Partnerin erinnert uns in einer Liebesbeziehung nämlich sehr schnell an das Gefühl, das wir in der Kindheit mit den nahen Bezugspersonen hatten – und dann werden die eigenen (oft unbewussten) Beschützeranteile (manche therapeutische Schulen nennen sie auch die „Feuerbekämpfer“) aktiviert, die sagen: „Ich will mich nie wieder so verletzen lassen!“

Es kann dann gut sein, dass jemand in anderen Situationen, z.B. am Arbeitsplatz, durchaus differenziert und angemessen reagieren kann – aber nicht in seiner nahen Beziehung, weil es ihn schon alleine neuronal an die Erlebnisse aus der Kindheit erinnert.

Was sind die Grundbedürfnisse eines Kindes/ eines Menschen?
Das Bedürfnis nach:

Bindung
Autonomie
Identität
Zugehörigkeit
Sicherheit
Anerkennung/ Selbstwert
körperliches Wohlbehagen und Lust
(Sinn und Spiritualität: kommt erst später hinzu)

Wenn nun eines oder mehrere dieser Grundbedürfnisse in der Kindheit immer wieder verletzt wurden, dann entsteht eine überlebenswichtige Strategie, mit der man sich versucht zu schützen. Vielleicht lernt der kleine Junge aus meinem Beispiel von eben, dass die Mama immer besonders freundlich zu ihm ist, wenn er gute Noten in der Schule hat – und es ist sehr wahrscheinlich, dass es ein Mensch wird, der immer wieder versucht, Anerkennung durch Leistung zu bekommen. Sein Lebensthema könnte dann z.B. so aussehen: „Ich bin nur etwas wert, wenn ich viel schaffe. Deswegen muss ich immer weiter arbeiten und kann mir keine Pause gönnen.“

Es lohnt sich also nicht nur in der Einzeltherapie, sondern gerade auch in der Paartherapie Klienten dafür zu interessieren, was ihr Verhalten mit ihrer Vergangenheit zu tun hat; vor allem, wenn es um das Thema „Nähe und Distanz“ geht oder um die Streitkultur. Denn in der Paarbeziehung stoßen ja nicht nur die jeweiligen Muster (wir nennen sie auch Skripte) aufeinander. Man kann sogar davon ausgehen, dass  man sich häufig (unbewusst) den Partner sucht, der das jeweilige Lebensthema triggert. Oder anders ausgedrückt: Wenn man eine zu heftige Reaktion des Partners erlebt, hat diese vielleicht nur wenig mit der aktuellen Situation zu tun und mehr mit dem verletzten Grundbedürfnis, unter dem er in seiner Kindheit gelitten hat (oder auch in seiner vorherigen Partnerschaft). Er  hat an dieser Stelle sozusagen eine „dünne Haut“.

Wenn wir nun in einer therapeutischen Paarsitzung über diese Verletzungen in der jeweiligen Vergangenheit und den damit verbundenen Lösungsstrategien sprechen, dann versteht der Klient nicht nur sich selber besser, sondern kann auch erkennen, dass der andere sich in bestimmten Situationen nicht so verhält, um ihn zu ärgern, sondern weil es sein Muster ist. Dieses Muster hatte für ihn als Kind durchaus einen guten Grund – ist dann aber später in einer Paarbeziehung schwierig. (Ein starker Affekt auf immer wieder dieselbe Situation kann nicht nur ein Wutausbruch sein, sondern ebenso ein Erstarren oder Schweigen).

Beispiel:  Sie bittet ihn, nicht zu schnell  zu fahren, da sie weiß, dass bald ein Blitzgerät kommt. Er fühlt sich sofort an seinen dominanten Vater erinnert, der immer meinte, alles besser zu wissen, und antwortet ihr aggressiv, dass sie sich nicht in seinen Fahrstil einmischen soll – sonst könne sie ja direkt selber fahren.

Durch das bessere Verständnis für einander entsteht ein „milder Blick“ auf die Wunden und Reaktionen des anderen – die Perspektive kann sich somit verändern, was schon immer der erste Schritt ist, um den Teufelskreis zu verlassen. Unter therapeutischer Anleitung kann man dann mit dem Paar gemeinsam überlegen, wie sie beim nächsten Mal schneller den Ausstieg aus der Situation finden: Was könnte z.B. ein Ausstiegssatz sein, der eine weitere Eskalation verhindert? Wie könnte man (aus Liebe für den anderen!) eher auf das (unausgesprochene) Bedürfnis eingehen – natürlich – ohne das eigene Bedürfnis zu missachten.

Häufig stellt das Paar in dieser Sitzung fest, dass sie doch eigentlich dasselbe Bedürfnis/ dieselbe Sehnsucht haben. Denn – wenn ich jetzt noch mal zum Anfang meines Artikels komme – kann die Liebe in einer Paarbeziehung dazu beitragen, dass wir unsere Verletzungen heilen lassen, und wir an unseren Themen wachsen. Es kann aber auch passieren, dass alte Wunden wieder aufreißen, vor allem dann, wenn wir uns darüber nicht bewusst sind und die Schuld nur beim anderen suchen.

Und dann führt der Wunsch: „Beim nächsten Mann wird alles anders“ doch häufig nur zu der enttäuschenden Erkenntnis, dass man „schon wieder an den Falschen geraten ist.“

Oft geht es bei meinen Klienten um die sehr schwierige Frage (insbesondere, wenn es gemeinsame Kinder gibt): „Trennung oder Bleiben“? Ich würde diese Frage gerne umformulieren in „Trennung oder Neuanfang“, denn ich möchte dem Paar dabei helfen, herauszufinden, ob es für einen Neuanfang genügend Ressourcen gibt – und das ist etwas ganz anderes als „einfach so weiter zu machen und die Zähne zusammen zu beißen“!

In diesem Sinne kann eine Paartherapie nicht nur dabei helfen, die Paarbeziehung zu stabilisieren und zu verbessern, sondern auch, dass wir in anderen Beziehungen (zu unseren Kindern, Kollegen, Freunden etc.) achtsamer mit uns und dem anderen umgehen. Und so können wir  unsere Zukunft aktiv gestalten, weil nicht mehr automatisch das „alte Programm“ abläuft.

Aber man sollte auch nicht verschweigen, dass es manchmal ein „zu spät“ oder ein „zu viel“ (an Verletzungen) gibt und dann ein Neubeginn nicht mehr möglich ist.