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In der Nachkriegszeit gab es klare Rollenerwartungen an Männer und Frauen; es waren traditionelle Bilder: der Mann verdiente das Geld, die Frau war für den Haushalt und die Kinder zuständig.
Väter erzogen ihre Söhne dazu, „männlich“ zu werden, was als Gegenteil zu einem „Weichei“ oder „Softie“ galt:
ein „richtiger Mannzeigte keine Gefühle, weinte und jammerte nicht
(„ein Indianer kennt keinen Schmerz“), konnte zupacken und Probleme lösen, und weil er in seinem Job so hart „malochte“, musste er im Haushalt nichts tun. Er interessierte sich für „Männersportarten“ wie Fußball, Boxen, Rad- und Autorennen, und er traf sich mit seinen Kumpeln, um ordentlich Alkohol zu trinken (und gab damit an, wieviel er davon verträgt). Mit den Kindern hatte er meist nur wenig zu tun – vom Windelwechseln über Kinderwagenschieben bis hin zum Elternsprechtag in der Schule – alles Müttersache. (Ausnahmen gab es natürlich auch zu dieser Zeit!).

Diese starren Rollen wurden durch die 1968er Bewegung und durch die Emanzipation der Frauen immer mehr in Frage gestellt. Es veränderte sich viel, was für alle Freiheit und Unsicherheit zu gleich bedeutete. „Neue Männer braucht das Land“, war die Devise in den 1980er Jahren.

Was sollen die „neuen Männer“ denn heute leisten? Frauen gehen mittlerweile selbstverständlich arbeiten, wobei sich das von dem Modell der „Teilzeitdazuverdienerin“ zu einem „Beide für Beides-Modell“ (Job/Haushalt und Kinder) noch einmal in den letzten 20 Jahren verändert hat. Die Männer sind nun aufgefordert, sich als Väter aktiv einzubringen und den Kindern und ihren Partnerinnen gegenüber Gefühle zu zeigen. Und im Job sollen sie natürlich auch „ihren Mann stehen.“Wir haben heute viele (Wahl-) Möglichkeiten – auch in der Frage: Welcher Typ von Mann möchte/kann ich sein?

Auch wenn unsere Gesellschaft heute viel über Genderthemen diskutiert, und es für die meisten Menschen schon lange kein Thema mehr ist, wenn der Junge mit Mädchenspielzeug spielt und umgekehrt, hat ein Junge als Baby und Kleinkind – psychoanalytisch gesehen – eine andere Situation als ein Mädchen: beide werden von einer Frau geboren und häufig in den ersten Lebensmonaten auch von ihr gestillt. Mädchen und Jungen entwickeln in den ersten Lebensjahren (auch wenn die Väter heute von Geburt an sehr viel Zeit mit ihren Kindern verbringen) eine enge Beziehung zur Mutter. In den Krabbelgruppen und Kindergärten treffen sie in der Regel auf weibliche Betreuungspersonen (männliche Erzieher sind nach wie vor rar und werden in den Einrichtungen sehr gerne angestellt – ebenso wie Grundschullehrer). Während sich das Mädchen mit den weiblichen Personen in seinem Umfeld identifizieren kann (oder muss? – auch hier gibt es ja Rollenerwartungen), muss der Junge genau das Gegenteil hin bekommen: er muss sich von den weiblichen Bezugspersonen abgrenzen und eine eigene, männliche Identität entwickeln. Wenn er Glück hat, steht dafür der Vater zur Verfügung (manchmal ein Problem bei denen, wo die Mutter mehr oder weniger alleinerziehend ist) oder auch ein großer Bruder, ein Opa etc.
Spätestens ab der 5. Klasse wollen Jungs nicht mehr mit ihren Müttern schmusen und suchen mehr die Zugehörigkeit zu Jungen oder Männern, z.B. in Sportgruppen oder über die Identifikation mit männlichen Actionhelden. Die größte Peinlichkeit in der Pubertät ist dann, als Softie oder „schwul“ zu gelten, weil man „zu weich“ ist (also zu viel Gefühl zeigt, wozu z.B. auch Unsicherheiten gehören). Deswegen muss man „cool“ rüber kommen, um von den Gleichaltrigen nicht ausgelacht zu werden.

Es gibt übrigens Säuglingsforschung, die belegt, dass Eltern mit ihren männlichen bzw. weiblichen Babys unterschiedlich umgehen, auch, wenn sie sich fest vornehmen, keine Unterschiede zu machen. Z.B. hat man erforscht, dass kleine Jungs beim Spielen höher in die Luft geworfen werden als kleine Mädchen oder dass sie auch anders getröstet werden. Das spielt sich offensichtlich auf einer unbewussten Ebene ab, denn wir alle haben ja von unseren Eltern wiederum Rollenerwartungen und Vorbilder mit auf den Weg bekommen, auch wenn wir uns vielleicht bewusst davon abwenden möchten.

Was bedeutet das nun für die Bindungsfähigkeit?

Wenn eine männliche Sozialisation nicht gut läuft, dann kann einerseits ein Mann sich dazu entwickeln, dass er alles Weibliche entwertet (eventuell sogar Frauen auch schlecht behandelt) und sich (über)betont männlich zeigt. Für die Sexualität bedeutet das häufig, dass er eine emotionale Nähe zu seiner Partnerin vermeidet aus der Angst davor, er könne unsicher scheinen. Solchen Männern geht es vor allem ums „f..“: sie wollen die Frauen „nehmen“ und hinterher von ihnen hören, dass sie „gut waren“. Ein Erektionsproblem kann für einen solchen Mann eine regelrechte Katastrophe auslösen.
Das andere Extrem sind andererseits Männer, die sich ganz ihrer Partnerin anpassen. Sie sind sehr harmoniebedürftig. Sie können zwar viel Nähe zulassen und genießen, haben jedoch manchmal das Problem, dass sie nicht zur ihren sexuellen Wünschen stehen können, weil sie das (oft unbewusst) als aggressiv erleben und abwehren müssen. Um in jemanden „einzudringen“, muss Mann seine Lust oder auch seine Geilheit spüren und zulassen können. Sie möchten nicht „vögeln“, sondern „Liebe machen“, und das kann auch manchmal zu einem Problem werden, denn zu gutem Sex gehört auch eine kleine Portion Egoismus und die Fähigkeit, bei sich und seinen Bedürfnissen zu bleiben. In der Sexualtherapie berichten mir dann die Partnerinnen, dass ihr Partner weder sagen noch zeigen kann, wenn er mit ihnen schlafen möchte und eher „um den heißen Brei redet“. Manchmal flüchten dann solche Männer auch in die Welt der Pornografie, wo sie Fantasien ausleben können, die sie im realen Leben niemals ihrer Partnerin zeigen oder sogar zumuten würden.

Dieser Typ Mann ist eher der, der sich in eine Sexualtherapie begibt – der zuerst beschriebene kann das in der Regel nicht mit seinem Selbstbild vereinbaren („Ich brauche keinen Seelenklemptner“ oder „Die haben doch selber alle einen an der Klatsche“). Er verzichtet teilweise lieber ganz auf Sex oder sogar auf eine Partnerschaft, wenn er ein sexuelles Problem hat. Als Sexualtherapeutin habe ich dann mit den Ehefrauen zu tun, die sich darüber beklagen, dass ihr Mann jede Art von Berührung ablehnt, weil er erst gar nicht in die Situation kommen will, dass es ein Erektionsproblem geben könnte- und darüber sprechen will er auch auf keinen Fall, so dass es natürlich auch keine Lösung geben kann.

Was hat nun ein Erektionsproblem mit der Beziehung zum eigenen Geschlecht zu tun?

Im Gegensatz zu Mädchen (siehe dazu meine Artikel über weibliche Sexualität) kennt der Junge sein Geschlechtsteil von Anfang an, weil es größtenteils außerhalb des Körpers liegt, und er es beim Pinkeln in die Hand nimmt. Auch sind unwillkürliche Erektionen schon sehr früh zu beobachten – sogar schon im Mutterleib. Kleine Jungs fassen ihren Penis gern an; zwischen dem 4.-6. Lebensjahr entwickeln sie eine „Geschlechtsidentität“ nach dem Motto: „Ich bin ein Junge, und ich habe einen Pimmel/Pipimann“ (oder was auch immer die Erwachsenen dazu sagen).
Ab der Pubertät finden die meisten Jungs (und das oft problemlos- im Gegensatz zu den Mädchen) die Möglichkeit der Selbstbefriedung und entwickeln dabei ihre Technik, wie sie sich anfassen müssen, um schnell zum Samenerguss zu kommen. Teilweise nutzen sie dabei ihre Fantasien und/oder Pornos. Hier ist es natürlich auch entscheidend, ob und wie die Jungs aufgeklärt werden: können sie mit jemanden darüber sprechen oder ist der Solosex eher etwas „Verbotenes“, ein Tabuthema, etwas, dass man schnell erledigen muss, um nicht erwischt zu werden?

Als Sexualtherapeutin weiß ich: es macht Sinn, sich bei der männlichen Sexualität 2 Kurven vorzustellen, nämlich die der genitalen Erregung (also: Wie scharf bin ich?) und die der sexuellen Lust, denn Mann kann Sex haben und alles funktioniert, ohne, dass es ihm besonders Spaß macht – aber auch umgekehrt!
Eine Ursache bei männlichen Sexualproblemen kann darin liegen (und mit zunehmenden Alter umso mehr), dass der Erregungsmodus, den Mann beim Solosex anwendet, in der partnerschaftlichen Sexualität nicht (mehr) funktioniert, weil der nötige Druck oder die nötige Geschwindigkeit dort nicht hergestellt oder nicht durchgehalten werden können (also mit wieviel Druck der Penis angefasst wird oder wie groß die Stimulation durch den Geschlechtsverkehr ist).

Man merke sich also: Erregung und Genuss in der Sexualität werden erlernt und es ist eben nicht „die natürlichste Sache der Welt“. Sexualität kann nicht nur bei Männer und Frauen unterschiedlich sein, sondern sie ändert sich auch im Laufe eines Lebens.

Erwähnen möchte ich noch, dass es eventuell Frauen leichter fällt, beim Sex etwas zu überspielen oder sogar vorzutäuschen (was natürlich auch alles andere als lustvoll ist!), während eine fehlende Erektion oder ein frühzeitiger Samenerguss einfach für beide offensichtlich ist. Frauen interessieren sich aber viel weniger für die „Leistung“ eines Mannes, als die Männer denken – sondern vor allem dafür, wie er mit einem Problem umgeht: also, kann er milde mit sich selber sein? Kann er darüber sprechen? Kann er trotzdem im Kontakt mit der Partnerin bleiben? Oder reagiert er gereizt und gibt ihr vielleicht sogar die Schuld dafür?

Petra Schmitz-Blankertz

Petra Schmitz-Blankertz

Paar- und Sexualtherapeutin, Suchttherapeutin,Diplom-Sozialarbeiterin, Psychotherapeutin (nach Heilpraktikergesetz)

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