Sexualtherapie
Wie kann man in einer langjährigen Beziehung das Feuer wieder neu anfachen? (Teil 2)
23. Oktober 2019
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Wie geht nun für das Paar der Weg aus der Krise?

Es klingt zunächst vielleicht paradox, aber das Paar muss seine „behagliche Komfortzone“ verlassen. Wir müssen wieder anfangen, den anderen mit anderen Augen zu sehen, indem wir etwas auf Abstand gehen und ihm Fragen zu stellen, vor deren Beantwortung wir uns vielleicht auch ein bisschen fürchten. Wir können seine „Andersartigkeit“ (im Vergleich zur eigenen Person) mit Furcht oder auch (wieder) mit Neugierde erleben – wir müssen mit dem Vertrauten/ den Gewohnheiten „brechen“. (Übrigens erleben wir gerade im Geschlechtsakt die Aufhebung von Getrenntsein am Intensivesten – aber wir kennen auch das Gefühl der Depression, das uns danach überfallen kann, weil wir die absolute Verschmelzung nicht lange aufrechterhalten können.)

Bei manchen Paaren ist es z.B. nötig, dass sie AUFHÖREN, sich den ganzen Tag in den Arm zu nehmen und sich zu streicheln, weil so vielleicht keine Sehnsucht und kein Begehren mehr zwischen ihnen entstehen kann. Stattdessen sollten sie sich „heiße“ Kurznachrichten schicken oder Komplimente machen. Oder jede(r) legt sich eine neue Mailadresse an, in der nur über erotische Wünsche kommuniziert wird, denn das Verlangen braucht Abstand und „Geheimnisse“.

Wie läuft eine Sexualtherapie ab?

In der Sexualtherapie geht der Weg darüber, dass das Paar Ängste abbaut und beginnt, über Sehnsüchte zu sprechen und das (oft unbarmherzige und entwertende) Bild vom eigenen Körper zu verändern. Manchmal müssen auch Mythen durch Fakten abgelöst  (und das nicht nur bei jungen Klienten) und Hemmungen hinterfragt und abgebaut werden. Es geht also darum, über Worte und Taten (das sind die Übungen, die der Therapeut/ die Therapeutin dem Paar mitgibt, damit es von der einen bis zur nächsten Sitzung auch körperlich neue Erfahrungen machen kann) die eigenen und die gemeinsamen Grenzen zu hinterfragen und zu erweitern bzw. neu auszuhandeln. Was Ihnen als junger Mensch gefallen hat, muss heute nicht mehr unbedingt stimmig sein, wo Sie sich und Ihr Körper sich verändert haben!

Natürlich ist es riskant, dem Partner von Sehnsüchten oder Fantasien zu erzählen – man befürchtet, verletzt oder abgelehnt zu werden oder nicht der Norm zu entsprechen (ich werde sehr oft von meinen Klienten gefragt, ob ich dies oder jenes „für normal halte“). Manch eine(r) kennt die eigenen Wünsche aber auch selber nicht, weil er/sie es nicht gewöhnt ist, sich zu fragen, was er/sie möchte bzw. nicht für die eigenen Bedürfnisse einstehen kann. Missverständnisse können aber nur aufgeklärt werden, wenn man darüber spricht, weil sich jedes Paar – ob ausgesprochen oder stillschweigend – auf das einigt, was es miteinander macht und jeder davon ausgeht, dass es dem anderen (immer noch) gefällt.

Unser Umgang mit Sexualität ist natürlich sehr davon geprägt, wie wir es in der Kindheit erlebt haben, und damit meine ich nicht nur, ob die Eltern verklemmt, offen oder distanzlos waren und ob wir einen angenehmen und ausreichenden Körperkontakt als Baby und Kind erhalten haben. Mindestens genauso wichtig ist das Thema, wie sehr unsere Eltern uns haben frei entfalten lassen oder ob sie uns buchstäblich „klein halten“ und in Abhängigkeit lassen wollten. Der Körper ist das erste Instrument unserer Kommunikation! Können wir z.B. den anderen buchstäblich nah an uns heranlassen, ohne Angst zu haben, völlig vereinnahmt zu werden oder ohne Sorge darum, dass wir nicht genügen?

Für das Aufrechterhalten der Erotik ist jedoch nicht nur die Nähe und Vertrautheit wichtig (die es uns vielleicht erst möglich macht, unsere Bedürfnisse zu zeigen), sondern auch ein gewisser Egoismus. Viele Menschen können bestätigen, dass sie leidenschaftlichen Sex mit einem Partner erlebt haben, der ihnen nicht wichtig war, z.B. bei einem One-Night-Stand oder einer Urlaubsbekanntschaft. In solchen Situationen sind wir abgegrenzt und autonom(er), da wir uns nicht ständig Gedanken darüber machen, wie es für den anderen gut ist. Aus diesem Grund hat ja auch Pornografie, Telefonsex und der Besuch von Prostituierten oft eine hohe Attraktivität, weil hier Sexualität und Emotionen voneinander getrennt sind.

(Übrigens haben viele Männer, die in einer nahen Liebesbeziehung Erektionsstörungen haben, dieses Problem in solch losen Begegnungen ganz oft nicht – weil sie sich nicht so unter Leistungsdruck setzen. In diesem Sinne kann man es wie ein Kompliment sehen, weil ihnen bei ihrer Partnerin besonders wichtig ist, dass es funktioniert).

Beim Thema „Fantasien“ kann man aber nicht oft genug sagen, dass sie KEINE Wünsche sind – und ganz häufig nicht umgesetzt werden wollen. Untersuchungen haben gezeigt, dass z.B. Frauen oft die Fantasie haben, überwältigt zu werden, was aber unter keinen Umständen bedeutet, dass sie vergewaltigt werden wollen! Vielmehr scheint es ihnen reizvoll, dass ihnen die Verantwortung für sexuelle Handlungen abgenommen wird, oder sie fantasieren, dass sie so attraktiv sind, dass die Männer sich nicht mehr beherrschen können.

Offenheit um jeden Preis ist allerdings auch nicht immer ratsam! Manchmal kann es gut sein, seine Fantasien nicht zu offenbaren, vor allem dann, wenn man sicher sein kann, dass der Partner davon irritiert oder sogar abgestoßen ist. Wenn der anderer etwas erregend findet, was uns nicht gefällt oder sogar völlig fremd ist, dann ist es nicht leicht, das nicht zu verurteilen (als „nicht normal“, pervers etc. abzustempeln), weil es uns Angst macht.

Dasselbe gilt für das Thema „ der Reiz durch Dritte“. Die Versuchung ist permanent in unserer offenen Gesellschaft vorhanden; wir wissen, dass wir über die Sexualität des Partners nicht bestimmen können. Viele Paare klammern dieses Thema einfach aus – es ist ein Tabu. Was soll denn auch ein Mann auf die Frage antworten: „Hast Du schon mal von einer anderen Frau geträumt, seitdem wir zusammen sind?“ Oder: „Kannst Du Dir Sex mit einer anderen Frau vorstellen?“
Es kann den Partner jedoch (wieder) sehr begehrenswert machen, wenn ich ihn mit den Augen der anderen sehe und mitbekomme, dass er auch für andere attraktiv ist. (Stellen Sie sich doch einmal die Frage: Wann finde ich meinen Mann/meine Frau besonders anziehend?)

Und nicht zuletzt: vergessen Sie den Mythos, das guter Sex nur spontan entstehen soll/kann. Dieses Argument höre ich immer wieder in meiner Praxis. Natürlich haben Sie das in der Anfangszeit erlebt – sicher auch noch in der Zeit, BEVOR die Kinder da waren. Aber wenn Sie heute darüber nachdenken, haben Sie sich doch lange auf diesen Moment vorbereitet, z.B. überlegt, was Sie anziehen sollen, geduscht, sich eingecremt, ein romantische Restaurant ausgesucht oder zu Hause schöne Musik aufgelegt, Badewasser eingelassen, sich gegenseitig massiert und, und, und. Wenn in Ihrer Beziehung schon länger nichts mehr läuft, dann ist es sehr unwahrscheinlich, dass es spontan oder „einfach so“ passiert. Sie müssen „es“ vorbereiten, sich vielleicht auch dazu verabreden, vielleicht ein kinderfreies Wochenende organisieren (das Ende ist ja offen) – so kann Vorfreude entstehen. Erotik braucht nicht nur Zeit, sondern auch Raum, die man ihr geben muss, damit sie im Alltag nicht verkümmert. Und Ihrer Partnerin/ Ihrem Partner wird es gefallen, wenn Sie sich die Mühe machen und eine schöne Zeit mit ihm/ ihr planen und Sie sich überlegen, was ihm/ihr gefallen könnte.