Sexualität
„Wir haben nur noch selten Sex miteinander- ist das normal?“ Wo bleibt das Begehren in langjährigen Partnerschaften?
6. Februar 2019
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Nach dem amerikanischen Psycho- und Sexualtherapeuten Jack Morin, (Professor in Kalifornien), ist

„Erregung = Anziehung mit Hindernissen“.
Oder anders ausgedrückt: Wie kann man jemanden begehren, den man schon hat?

Das zeigt, dass es nicht einfach und keineswegs selbstverständlich ist, in einer langjährigen Partnerschaft das erotische Feuer nicht ausgehen zu lassen- vor allem in der anstrengenden Phase mit Kleinkindern.

Vorweggenommen: ich bin als Sexualtherapeutin davon überzeugt, dass in keinem Bereich so viel gelogen wird, wie bei den berühmten Umfragen nach der Häufigkeit von Sex- hier ist wohl oft eher der Wunsch ausschlaggebend für die Antworten als die Realität. Und überprüfen kann es ja auch keiner…

Unsere Sexualität ist sehr von gesellschaftlichen Normen abhängig- und sofort fühlen wir uns schlecht, wenn wir (angeblich) dieser Norm nicht entsprechen. Wir sollen eine „mittlere“ Lust haben- nicht zu viel- aber auch nicht zu wenig. Und Frauen sollen – nachdem dass über Jahrtausende hinweg kein Thema war- nun auch Lust empfinden, einen (oder am Besten mehrere) Orgasmen haben und in der Sexualität aktiv sein. Und dabei natürlich in jeder Lebenslage auch noch gut aussehen.

Kein Wunder also, dass immer mehr Klienten (Frauen- aber zunehmend in den letzten Jahren auch Männer!) mit dem Thema Lustlosigkeit in die Sexualtherapie kommen. Dabei wird manchmal übersehen, dass die sog. „Lustlosigkeit“ nicht nur ein Problem ist, sondern auch eine Lösung sein kann!

Hmm- wie das???
Zum Bespiel als eine Weigerung/ Schutz vor schlechtem Sex oder davor, dass Mann/Frau hier etwas „bedienen“ soll, wofür ansonsten die Atmosphäre in der Partnerschaft nicht stimmt. Wenn ich mit Paaren an einem solchen Thema arbeite, geht es häufig um die gegenseitige fehlende Anerkennung oder die fehlende Intimität auf anderen Gebieten.
Frauen und Männer gehen übrigens häufig unterschiedlich an dieses Thema heran (ich betone „häufig“- natürlich gibt es immer Ausnahmen und ich will hier nicht die Welt in schwarz oder weiß malen, sondern spreche nur von einer Tendenz!): Männer bestätigen sich durch Sex, dass ihre Beziehung in Ordnung ist, während Frauen erst das Gefühl brauchen, dass die Beziehung okay ist (z.B. keine tiefergreifenden Konflikte oder Verletzungen zwischen ihnen und ihrem Partner stehen), bevor sie sich auf Sexualität einlassen können.

Deswegen kann man ein solches Symptom wie die Lustlosigkeit nie ohne ihren Kontext ansehen, und es auch nicht einfach „wegmachen/ wegtherapieren“.

Neue Studien, die sich mit der sexuellen Zufriedenheit von Paaren beschäftigt haben, die schon lange zusammen sind, kommen zu folgendem Ergebnis:

Die Paare, bei denen beide sexuell zufrieden sind, sagen, dass es weniger um das Schema „Lust- Erregung-Orgasmus“ gehe, also nicht um das „Funktionieren“.  Ihr „Geheimnis“ ist, dass sie in der sexuellen Begegnung Verbundenheit, Authentizität und Präsenz erfahren. Es geht also mehr um das „Sein“ als um das „Tun“- es geht darum, sich dem anderen so zeigen zu können, wie man ist als sexuelle Person. Sich dem anderen also zuzumuten mit allem, was einen Menschen ausmacht (auch den Ängsten und Schwächen und einem Körper, der nicht der Topmodellnorm entspricht oder dem, was wir in Pornos sehen). Und darin steckt für mich eine sehr wichtige Eigenschaft für eine zufriedene Sexualität:  Mut.

In der sexualtherapeutischen Arbeit gibt es bei diesem Thema wichtige Fragen und auch braucht man Mut und Offenheit, um sie erst einmal für sich zu beantworten (und dann mit dem Partner zu besprechen:)

  • Wann war es mal anders? (Wann hattest du das letzte Mal Lust und was war da anders?)
  • In welche Richtung geht deine Sehnsucht?
  • Welche sexuellen Fantasien gibt es? (die man nicht mit Wünschen gleichsetzen darf! Man darf sehr wohl etwas fantasieren und als erregend erleben, ohne dass man das jemals in der Realität erleben möchte!)
  • Wäre es attraktiv für dich, dein bisheriges sexuelles Skript (auf das sich ein Paar im Laufe einer längeren Beziehung meist unausgesprochen „geeinigt“ hat) zu erweitern?
  • Wie sehr leidest du/ ihr unter dem Problem?
  • Hast du den Mut und die Zeit, in dieses Thema Energie zu investieren? Und wenn nicht- was bräuchtest du dafür?