Am Anfang einer Beziehung sind Paare meistens sehr verliebt – dann ist alles einfach; man ist „im „flow“. Natürlich idealisieren wir den Partner in dieser Phase, aber dieser zeigt sich auch von seiner besten Seite. Man will dem anderen gefallen, und meistens ist es gar nicht anstrengend, weil man so viel Bestätigung durch den Partner erfährt. Das Paar bekommt so eine Vision von dem, wie die Beziehung im besten Fall sein kann. Die Fachleute sagen: Die Verliebtheitsphase ist wichtig für die Bindung und auch für spätere Krisen, weil die Paare sich bei Durststrecken daran zurück erinnern können. In einer Krise kann der Gedanke kommen: „Es war doch mal toll mit uns. Dafür lohnt es sich, gemeinsam zu kämpfen“. Die Verliebtheit ist also eine Ressource, aus der ein Paar später Kraft und HoƯnung schöpfen kann.

Es gibt nach meiner Erfahrung als Paartherapeutin Paare, die gegensätzlich sind und solche, die sich ähnlich sind. Die Paare, die sich ähneln, haben sicher weniger Konflikte und es an der ein oder anderen Stelle einfacher, die Beziehung ist stabiler und wahrscheinlich ruhiger. Die Ähnlichkeit bezieht sich auf die Weltanschauung/Werte, den Bildungsstand, das Alter, die Religion, den sozialen Status, politische Überzeugungen, den Geschmack und natürlich die Charaktereigenschaften (wie z.B. strukturiert oder spontan, ordentlich oder unordentlich, pflichtbewusst oder genießerisch, beständig oder wechselhaft). Das Motto ist hier: „Gleich und Gleich gesellt sich gern“. Nach vielen Studien sind das mehr als 75% der Paare.

Es gibt aber auch das Prinzip: „Gegensätze ziehen sich an“. Die Partner sind unterschiedlich, in manchen Bereichen regelrecht gegensätzlich. Oft suchen wir dann (unbewusst) die Ergänzung zu uns, das „Andere“ ist faszinierend.

Wenn ich Paare danach frage, was sie am Anfang toll am anderen fanden, dann beschreiben sie ihre Anfangsvision. Er sagt z.B. „Sie war so lebenslustig, so lebendig – sie hat mich mitgerissen“ und sie: „Er war so besonnen, er ruhte in sich, er hatte so etwas Verlässliches“.

Es ist übrigens nicht selten, dass die Partner sich genau diese Eigenschaften nach ein paar Jahren vorwerfen. Dann wird aus der „lebendigen Frau“ eine Partnerin, die ständig etwas von ihrem Partner fordert und aus dem „besonnenen Mann“ ein Partner, der lethargisch ist und nicht sprechen will.

Was sagt nun die Forschung dazu, wie man in einer Paarbeziehung auf Dauer glücklich bleiben kann?

Es wird empfohlen, dass jede/r seine Eigenständigkeit behalten soll. Dazu gehört, eigene Interessen zu pflegen, vielleicht auch einen eigenen Freundeskreis oder zumindest eine vertraute Person für sich alleine zu haben, berufstätig zu bleiben oder wieder zu werden und vielleicht auch einen gewissen Etat von Geld zu haben, über den jeder alleine entscheiden kann. Wir verlieben uns ja schließlich in eine Person, WEIL sie eigenständig und autonom ist. Viele finden es eher abtörnend, wenn sich der andere/die andere zu sehr anpasst und aufhört, er/sie selbst zu sein. Schon mehrmals habe ich in Paartherapien erlebt, dass einer darum bittet, ihm zu sagen, was der andere will – und dieser reagiert mit: „Ich weiß nicht – entscheide Du doch für uns“, was auf Dauer zu großen Spannungen geführt hat.

Ein weiteres Erfolgskriterium für eine funktionierende Beziehung ist nach Erkenntnissen aus der Forschung eine Balance von Geben und Nehmen. Das kann/darf natürlich vorübergehend mal anders sein, z.B. weil einer krank ist oder gerade eine belastende Lebensphase durchmacht; aber es sollte nicht über Jahre eine Schieflage geben. Im Extremfall berichten dann Klienten von dem Gefühl, nicht einen Partner/eine Partnerin, sondern „ein weiteres Kind“ zu haben. Im Rückblick fühlten sie sich dann ausgenutzt, was auch das sexuelle Begehren reduzieren kann.

Um sich immer wieder mit dem anderen zu verbinden, braucht es die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen, denn jeder hat eine andere Erziehung und vielleicht eine andere Rollenerwartung mitbekommen. Man sollte nie davon ausgehen, dass der andere die Welt genauso sieht wie ich! Oder dass er dasselbe empfindet, noch nicht einmal, wenn wir dieselbe Situation zusammen erlebt haben. Wenn es schon bei sachlichen Themen wie „hat das Auto geblinkt, bevor es abgebogen ist“ unterschiedliche Meinungen geben kann, können wir uns vorstellen, wie komplex Empfindungen werden, wenn es emotional wird und diese Gefühle vielleicht noch Erinnerungen aus der Vergangenheit triggern.

Natürlich haben Menschen auch eine unterschiedliche Fähigkeit zur Empathie, genauso, wie es Unterschiede darin gibt, wie gut ich meine eigenen Gefühle wahrnehmen, einordnen und erklären kann. Jeder möchte vom anderen verstanden und gesehen werden; das sind Grundbedürfnisse. (Werden solche Grundbedürfnisse in einer Liebesbeziehung auf Dauer zu wenig berücksichtigt, ist es oft der Beginn einer ernsthaften Krise.)

Stabilisierend für eine Beziehung ist hingegen die Bereitschaft, in der Partnerschaft gut zu kooperieren und strittige Themen zu verhandeln. Die Wichtigkeit von Verhandeln hat in den letzten Jahrzenten enorm zugenommen, weil die alten Rollenmuster (und Verantwortlichkeiten) immer mehr aufweichen. Paare müssen sich heute viel mehr abstimmen und mehr Kompromisse finden, weil es weniger gesellschaftlich vorgegeben ist, was ein Mann/ein Vater oder eine Frau/eine Mutter tun sollte. Schon länger möchten berufstätige Frauen nicht mehr von ihren Männern hören, dass er ihr „doch auch im Haushalt hilft“, weil bei einer Berufstätigkeit von beiden die Haushaltsführung in der gemeinsamen Verantwortung liegen soll.

(Übrigens: junge Menschen sind sich nach aktuellen Befragungen darin einig, dass – wenn beide berufstätig sind – man sich die Haushaltsaufgaben gerecht teilen sollte. Allerdings zeigen die Befragungen auch, dass die Realität anders aussieht, insbesondere, wenn das Paar ein Kind bekommt. Dann nämlich übernehmen die Frauen wieder mehr Verantwortung, auch in dem Bereich des mental loads.)

Eine gute Kooperation ist natürlich in schweren Zeiten oder Krisen besonders notwendig, damit beide das Gefühl haben: Du unterstützt mich – und nicht „Du bist gegen mich“.

Krisen entstehen in den Übergangszeiten einer Beziehung. Dazu gehört bestimmt die erste, sehr anstrengende Zeit mit einem Baby, aber auch eigene Krankheiten, Pflege von Angehörigen, Berufswechsel, Hausbau usw. Beide möchten das Gefühl haben, dass die Aufgaben einigermaßen gerecht verteilt sind und man sich aufeinander verlassen kann. (In meiner Praxis arbeite ich immer wieder an gegenseitigen Verletzungen, die in solchen Ausnahmesituationen entstanden sind und die oft über Jahre zwischen den Partnern stehen. Einer oder beide haben Situationen über eine lange Zeit im Kopf, wo sie sich vom anderen im Stich gelassen gefühlt haben.)

Und zuletzt sagt die Forschung, dass Paare gemeinsame Ziele oder Projekte brauchen. Diese sind natürlich für viele die Kinder, es kann aber auch ein gemeinsames Hobby, ein Ehrenamt, eine Überzeugung etc. sein.

Wenn Sie sich vielleicht gerade in einer Krise befinden und darauf warten und hoƯen,
dass der andere auf Sie zukommt oder etwas verändert, dann möchte ich mit den
folgenden Fragen anregen, dass Sie bei sich hinschauen:

Wie oft habe ich in den letzten 4 Wochen:
- Interesse an meinem Partner gezeigt?
- Ihm/ihr Zuneigung geschenkt?
- Ihm/ihr Zärtlichkeit gegeben?
- Ihn/sie zum Lachen gebracht?
- Ihm/ihr ein Kompliment gemacht?
- etwas für die Beziehung getan?
- dem anderen geholfen (ohne dass er mich darum bitten musste)?
- ihm/ihr vorgeschlagen, Zeit miteinander zu verbringen?

 

Petra Schmitz-Blankertz

Petra Schmitz-Blankertz

Paar- und Sexualtherapeutin, Suchttherapeutin, Diplom-Sozialarbeiterin, Heilpraktikerin für Psychotherapie

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