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Was Männer für ihren Sohn tun können oder: Welchen Einfluss hat die Erziehung auf unsere Sexualität?

männliche Sexualität

In meinen Therapiesitzungen höre ich regelmäßig Männer traurig und resigniert darüber berichten, dass ihr Vater ihnen nie sagen oder zeigen konnte, dass er seinen Sohn liebt. Vom Vater in den Arm genommen zu werden oder etwas Anerkennendes zu hören, ist eine Erfahrung, die viele Männer nie in ihrem Leben machen konnten! Sie erzählen außerdem, dass sie nie den Ansprüchen des Vaters genügt hätten und dass sie das ein oder andere in ihrem Leben hauptsächlich getan haben, um doch noch ein Lob vom Vater zu hören. Nicht wenige warten darauf vergebens und sind immer wieder aufs Neue enttäuscht (worden).

Was sagt die Wissenschaft zur unterschiedlichen Erziehung von Mädchen und Jungs?

Mädchen und Jungs werden – wie wissenschaftliche Untersuchungen zeigen – von Anfang an unterschiedlich erzogen: mit Jungen wird „wilder“ gespielt, sie dürfen mehr ihre Grenzen austesten, aber sie erhalten auch weniger Fürsorge als Mädchen und werden dazu angeleitet, ihre Gefühle eher zu unterdrücken. Männlich sein bedeutet für viele, Stärke und Selbstvertrauen zu entwickeln, Erfolg zu haben und unabhängig zu sein.

Wie kommt das?

Der Junge muss sich von seiner nahen Bezugsperson – der Mutter – distanzieren, und sich dem Vater zuwenden, um eine männliche Identität entwickeln zu können. In den früheren Generationen jedoch waren die Väter häufig abwesend (und ich denke dabei nicht nur an die Jungen, die mit ihrer Mutter alleine aufwuchsen, sondern auch an die, wo der Vater sehr viel von zu Hause weg war. Besonders in der Nachkriegszeit arbeiteten die Männer nicht nur in ihrem normalen Job, sondern auch „nebenbei“, wie man es damals nannte). Und wenn der Vater anwesend war, dann zeigte er häufig kaum Gefühle, konnte seinem Sohn wenig Anerkennung oder Lob zukommen lassen und ihn schon gar nicht in den Arm nehmen. Erziehung war für viele Frauensache; es gab die traditionelle Rollenaufteilung. In diesem Sinne wurden Jungen wenig darauf vorbereitet, wie sie sich später in einer nahen und emotionalen Beziehung (mit Frauen) verhalten sollen. Sie haben jahrelang gelernt (und sind dafür belohnt worden), „die Zähne zusammen zu beißen“ und keine Schwäche zu zeigen. Weil Wut zu den Gefühlen zählt, die Jungs eher erlaubt wurden, können manche Männer zwar ihren Ärger zeigen, aber nicht so gut die dahinter liegenden Gefühle wie Verlustangst, Eifersucht oder das Gefühl, zu wenig Anerkennung zu bekommen.

Früher hatten Männer Angst für Körperkontakt mit Männern!

Besonders in der vorherigen Generation (zum Glück verändert sich in den letzten Jahren Vieles!) hatten Väter oft die Sorge, die Söhne könnten über „zu viel Körperkontakt“ verweichlicht werden. Hinzu kam, dass es eine große Angst vor zärtlichem Körperkontakt zwischen Männern gab, weil man befürchtete, man könne dadurch eine homosexuelle Neigung hervorrufen. Das führte dazu, dass manche Väter ihre Söhne ab Jugendalter gar nicht mehr berühren wollten. Jungen lernten dann, dass Körperkontakt nur beim Sport erlaubt ist, wo es natürlich oft rau zugeht. Teilweise kann man das auch heute noch beobachten (z.B. dass Männer sich, wenn sie sich umarmen, dabei häufig klopfen oder knuffen).

Ein spezielles Thema ist noch die Gruppe der getrennt lebenden und geschiedenen Väter: Von der Generation meiner Klienten, die 50 Jahre und älter sind, höre ich regelmäßig, dass sich ihre Väter nach der Trennung von der Mutter wenig oder gar nicht mehr gemeldet haben. Vielleicht waren diese Väter verletzt oder konnten die Gefühle schwer aushalten, wenn sie über den Kontakt zu ihren Kindern wieder an die Exfrau erinnert wurden. Manche haben ihren Kinder später dafür die Verantwortung gegeben und gesagt: „Du hast dich ja auch nie bei mir gemeldet“, obwohl klar sein müsste, dass die Erwachsenen sich um die Besuchskontakte kümmern müssen und nicht die Kinder!

Jungs werden aber nicht nur von den Eltern beeinflusst, sondern auch von den anderen Jungs!

Neben der Rollenerwartung im Elternhaus, prägen uns aber auch sehr die Regeln im Freundeskreis: Mädchen haben häufig „eine beste Freundin“, Jungs sind mehr in Gruppen unterwegs, in denen Konkurrenz herrscht. Zu den Erwartungen in der Gruppe der Gleichaltrigen von männlichen Jugendlichen (der sogenannten „Peer-Group“) gehört auch, dass man sich ständig für sexuelle Themen interessiert und früh sexuelle Erfahrungen sammeln muss. Da wird häufig geschwindelt, übertrieben und angegeben, was zur Folge hat, dass sich nicht wenige Jugendliche innerlich minderwertig fühlen. Hinzu kommt noch die Sorge um die Größe des Geschlechtsteils – Jungs sehen sich ja regelmäßig nackt z.B. nach dem Sport in der Dusche, wo es – laut oder auch nur heimlich- zum „Schwanzvergleich“ kommt. Noch bevor sie den ersten Kuss erleben, haben viele schon ein Bild von Sexualität, was heute durch die Verbreitung der Pornografie sehr beeinflusst wird- und oft mit der Realität nur wenig zu tun hat. Jungs hören Witze und Sprüche über den Penis und bekommen den Eindruck, dass dieses Organ für alle (Männer und Frauen) das Allerwichtigste sei. Und auch die Frauen, um die sich ihre Fantasien drehen, entstammen einer eigenen Welt. Dabei ist gegen Fantasien gar nichts einzuwenden- würden sie uns nicht auch gleichzeitig immer unter Druck setzen!

Und dann kommt die Pubertät:

In der Pubertät nähern Jungs und Mädchen sich häufig (Ausnahmen gibt es natürlich immer!) der Sexualität aus verschiedenen Richtungen: Mädchen interessieren sich für Romantik, Liebe und Erotik, Jungen erleben sexuelles Begehren und das Verlangen, sich zu beweisen.

Konkurrenz und Intimität schließen sich gegenseitig aus! Bei Konkurrenzdenken geht es darum, wer besser ist (also den größeren Penis hat, die meisten Mädchen abbekommt etc.), bei  Intimität geht es um Nähe, Offenheit und Ehrlichkeit. Männer haben (oft unbewusst) in einer nahen Beziehung zu einer Frau Angst davor, sich zu verlieren und abhängig zu werden. Das hängt damit zusammen – wie weiter oben beschrieben – dass sich ein Junge von seiner Mutter und ihren weiblichen Eigenschaften entfernen muss, um seine Männlichkeit zu entwickeln. In einer nahen Beziehung zu seiner Partnerin befällt ihn dann vielleicht die Angst, wieder von einer Frau dominiert zu werden. Manche Männer haben vielleicht wenig gelernt, ihre Gefühle zu verstehen und darüber zu sprechen- und genau das wünschen sich die meisten Frauen. Sexualität kann durch Gespräche besser werden, nämlich dadurch, dass wir mit dem Partner/der Partnerin über Vorlieben und Wünsche, aber auch über Abneigungen oder Leistungsdruck reden, damit wir etwas verändern können.

Während Mädchen in ihrer Sozialisation lernen, unterschiedliche emotionale Bedürfnisse zu unterscheiden (z.B. nach Trost, Verbundenheit, Unterstützung etc.), sich aber teilweise damit schwer tun, zu ihrem Bedürfnis nach Sexualität zu stehen, ist es bei Jungen genau umgekehrt: sie lernen, dass es ihr gutes Recht ist, Lust auf Sex zu haben, wohingegen das Bedürfnis nach Zärtlichkeit oder „in den Arm genommen werden“ nicht so männlich scheint.

In punkto Sexualität haben Männer oft Vorstellungen und Mythen im Kopf, durch die sie sich selber unter Leistungsdruck setzen.

Das erfahre ich in meinen Sexualtherapiesitzungen immer wieder. Dazu gehören:

  • ein „richtiger“ Penis ist groß, lang und stahlhart
  • jede Berührung soll am Ende zum Ziel (also zum Sex) führen
  • Männer können jederzeit
  • Sex bedeutet: Geschlechtsverkehr
  • ohne Erektion kein Sex
  • zu gutem Sex gehört ein Orgasmus (man nennt es auch „OrgasMUSS)
  • guter Sex ist spontan (und man muss nicht darüber sprechen)
  • ein „richtiger“ Mann hat keine sexuellen Probleme
  • wer er mal nicht steht, ist das eine Katastrophe usw.

Wie kann ein Mann seinem Kind so ein Vater sein, wie er ihn selber vermisst hat?

Junge Väter sind heute sehr interessiert und engagiert bei der Erziehung ihrer Kinder und bringen sich oft sehr intensiv ein. Wenn ein Vater zärtlich und einfühlsam mit seinem Sohn umgeht, dann lernt dieser, dass auch Männer Gefühle haben und zeigen können. Eine gute Beziehung zum eigenen Sohn ist eine gute Basis dafür, dass dieser sich auch traut, mit seinen Fragen zum Vater zu kommen. Und – falls das in der Pubertät passiert und es um sexuelle Themen geht- hilft es dem Jugendlichen, wenn dieser selber über seine Ängste oder seine frühere Schüchternheit spricht.

Lieber Lesern, wenn Sie die Frage beschäftigt, wie Sie für Ihren Sohn ein guter Vater sein können, dann überlegen Sie sich, was Sie an Ihrem Vater gestört hat bzw. was Sie bei ihm vermisst haben. Vielleicht kommen Ihnen dann Begriffe wie „liebevoll“, „einfühlsam“, „offen“, „anerkennend“. Und das wird genau das sein, was sich Ihr Sohn von Ihnen wünscht: eine Beziehung zu seinem Vater, die gekennzeichnet ist durch gegenseitigen Respekt, Verständnis, Unterstützung, Wertschätzung und Liebe.

Und zu guter Letzt: auch ist es nicht unwichtig, wie die Eltern miteinander umgehen! Sehr oft höre ich von (älteren) Klienten, dass sie nie gesehen haben, dass sich ihre Eltern in den Arm genommen oder geküsst haben. Kindern gefällt, wenn Eltern ihre Zuneigung untereinander auch körperlich ausdrücken.

Petra Schmitz-Blankertz

Petra Schmitz-Blankertz

Paar- und Sexualtherapeutin, Suchttherapeutin,Diplom-Sozialarbeiterin, Psychotherapeutin (nach Heilpraktikergesetz)

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