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Oder: wie kann das Begehren in einer längeren Beziehung aufrecht erhalten werden?

Jeder Mensch hat 2 (scheinbar) gegensätzliche Grundbedürfnisse in einer Beziehung, nämlich einerseits das Bedürfnis nach Autonomie und andererseits das Bedürfnis nach Verbundenheit.

D.h. im Klartext, wir möchten uns auch in einer Partnerschaft alleine weiter entwickeln können, eine eigene Meinung haben, vielleicht auch weiterhin eigene Freundschaften oder ein eigenes Hobby pflegen und gleichzeitig sehnen sich viele nach einer festen und sicheren Beziehung.

Wenn nun ein Partner schnell Angst vor Verlust der Harmonie bekommt, dann neigt er dazu, sich immer mehr den Bedürfnissen des anderen anzupassen. Er hofft und wartet dann immer wieder auf die Bestätigung durch den Partner und negiert oder verheimlicht zunehmend die eigenen Bedürfnisse aus Angst vor einer Trennung. (Im Extremfall sind das Menschen, die ihrem Partner nach der Trennung vorwerfen, worauf sie alles in der Partnerschaft verzichtet hätten, ohne dass sie das während der Beziehung eingefordert haben.)

Das Problem dabei ist:

Partner, die ständig Bestätigung durch den anderen brauchen, werden mit der Zeit für diesen weniger attraktiv. Man verliert auf Dauer Respekt vor einer Person, die klammert. Sie wird dadurch einfach unsexy.

Vielleicht fühlt man sich am Anfang der Beziehung noch durch die Eifersucht und Verlustangst des anderen geschmeichelt, aber mit der Zeit erleben es die Meisten einfach nur noch als nervig.

Interessant(er) wird der Partner dann (wieder), wenn er z.B. eine eigene Meinung vertritt, sich etwas traut, etwas Neues ausprobiert. Therapeuten nennen das “ bei sich selber bleiben“ oder „ein bisschen mehr die Autonomie leben“ (was nicht dasselbe ist wie egoistisch zu sein!). Immerhin haben wir uns ja auch damals in einen Menschen mit seinen individuellen Eigenschaften verliebt und nicht in ein Abziehbild von uns selbst.

Anders ausgedrückt: Das Begehren wird weniger, wenn einer oder beide in einer Beziehung aufhören, sich weiter zu entwickeln. Das Paar befindet sich dann in der „Komfortzone„. Das bedeutet, dass man sich ziemlich sicher fühlt, weil man wenig (Verlust)-Ängste hat. Es heißt aber nicht, dass man sich auch wohl fühlt, denn es kann auch schnell langweilig werden. Man einigt sich quasi auf den „kleinsten gemeinsamen Nenner: jeder orientiert sich an dem, was der andere will. Man macht in der Sexualität das, von dem man glaubt, dass es dem anderen gefällt. So entsteht eine (oft unbewusste) gemeinsame Angstregulierung des Paares durch gegenseitige Anpassung und Vermeidung von „heißen Eisen“. Manchmal deutet vielleicht einer etwas an in der Hoffnung, dass der andere „darauf anspringt“. Wenn dieser aber nicht reagiert, wird die Idee oder der Wunsch nicht weiter voran getrieben. Man will ja nicht aufdringlich sein oder den anderen zu etwas drängen, was dieser nicht mag…

Zunächst fühlt sich das Paar auch gut damit, weil es so harmonisch scheint. Es führt aber auf Dauer zu einer Verschmelzung der Partner. (Jeder von Ihnen kennt sicher einen alten Freund/eine Freundin, die man nicht mehr alleine treffen konnte, nachdem er/sie einen neuen Partner hatte. Und wenn man ihn dann doch noch mal alleine trifft, kommen ständig Nachrichten des Partners mit Fragen „Wo bist du- wann kommst du-wo bleibst du?“. Dies können Hinweise auf eine symbiotische Beziehung sein).

Harmonie klingt doch zunächst mal nach einem guten Zustand in einer Beziehung, oder? Der Nachteil jedoch ist: unser Gehirn reagiert nun mal stärker auf neue Reize.

Das erleben viele, wenn sie einen neuen Partner kennen lernen: der neue Körper, die neuen Praktiken, die Gespräche über Sex – alles ist aufregend. Manche entscheiden sich deswegen für eine offene Beziehung oder wechseln ihre Partner, um immer wieder diesen Kick zu erleben.

Für die, die sich für eine längere und monogame Beziehung entscheiden, bedeutet es, dass Langeweile vorprogrammiert ist, solange man nichts Neues ausprobiert. Und sexuelle Langeweile führt nicht selten zum Libidoverlust.

Wie kann man denn nun in einer längeren, monogamen Beziehung etwas Neues einbringen und damit der Liebesbeziehung eine neue Wachstumschance geben?

Wir können uns eines klarmachen: der Weg zur sexuellen Kompetenz geht darüber, dass wir etwas tun, bei dem wir uns erst einmal unwohl und unsicher fühlen: vom ersten Kuss über den ersten Oralverkehr bis hin zum ersten Geschlechtsverkehr, haben wir dieses Gefühl alle gehabt und gelernt, es zu überwinden.

Neue Ideen werden in der Regel immer erst von einem Partner ins Spiel gebracht. Oder anders gesagt: es wäre schon erstaunlich, wenn zwei Menschen gleichzeitig dieselbe Idee hätten! Es braucht natürlich Mut, sich dem anderen mit eigenen Bedürfnissen, Wünschen und Fantasien zu zeigen. Manche Paare bleiben aber auf der Ebene, sich darüber zu streiten, anstatt sich damit auseinander zu setzen, wie viel sie voneinander wissen und preisgeben wollen. Sie bezichtigen sich vielleicht gegenseitig, „nicht normal zu sein“.

Übrigens: Nach dem amerikanischen Sexualtherapeuten David Schnarch (kein Scherz- der Mann hieß wirklich so!), sind die 4 häufigsten Themen, über die Paare streiten: Sex, Geld, Kinder und Schwiegereltern.

Was verstehen Therapeuten nun unter der Fähigkeit, „bei sich zu bleiben“? Gemeint ist damit, die eigene Meinung zu vertreten, auch wenn der Partner drängt, dass man seine Meinung annimmt. Und eine Klarheit darüber zu haben, wer man ist, was man will und welche Ziele man hat, auch wenn man dadurch eine Disharmonie mit dem anderen riskiert.

Ja- das ist im ursprünglichen Sinn des Wortes eine positive Zumutung, die dazu führen kann, dass ein Paar auch sein gemeinsames sexuelles Skript wieder weiter entwickelt. Vielleicht stellen Sie sich gegenseitig die Frage: Warum haben wir eigentlich noch nie …. beim Sex gemacht/ausprobiert?

Es geht also (nach David Schnarch) um die Differenzierung, die uns füreinander wieder interessant macht und zu einer neuen (echten) Intimität führen kann. Eine Beziehung ist in diesem Sinne nicht nur dafür da, dass wir uns gegenseitig bestätigen, sondern genauso, dass wir uns gegenseitig fordern und gemeinsam wachsen. Für eine echte Intimität muss man zulassen (und aushalten), dass der Partner unsere Bedürfnisse kennen lernt, auch wenn er nicht dasselbe fühlt oder will. Dadurch werden wir angeregt, uns immer wieder selber zu hinterfragen. Und das ist gar nicht so einfach, denn wir alle fühlen uns am Wohlsten, wenn wir mit dem Partner einer Meinung sind. (Mir fällt dazu ein, dass ich in letzter Zeit immer häufiger den Ausdruck „Weißt du, was ich meine?“ höre, der beinhaltet, dass der Sprecher eine Bestätigung möchte. Für manche ist es eine Angewohnheit geworden, das am Ende von jedem Satz zu platzieren).

Eine gemeinsame Weiterentwicklung kann es also dann geben, wenn man es im emotionalen und sexuellen Bereich zulässt, die eigenen Ängste und Unsicherheit auszuhalten und sich auf neues Terrain begibt. Konfrontation ist also wichtig, und gleichzeitig dabei die Verbundenheit zum Partner nicht aufzugeben (anstatt ihn für die Probleme verantwortlich zu machen). Es geht nicht in erster Linie darum, wie man sich fühlt, sondern dass man die Verantwortung für die Beziehung behält. Und die hat man auch dann, wenn der andere sich falsch verhält. Das (falsche) Verhalten des Partners entschuldigt nicht das eigene Verhalten; sonst kommt man schnell in den Teufelskreis von gegenseitigen Verletzungen und Rache.

Schwierig wird es natürlich, wenn sich nur ein Partner weiterentwickeln möchte und der andere will, dass alles so bleibt, wie es ist. Dann hat das Paar (vereinfacht gesagt) 4 Möglichkeiten:

  1. Der eine bestimmt über den anderen
  2. oder er unterwirft sich dem anderen
  3. man trennt sich
  4. oder man entwickelt sich gemeinsam weiter

Wenn sich nun ein Paar für eine gemeinsame Entwicklung entscheidet, muss es sich auf etwas Neues einlassen. Und dieses neue Terrain muss jedes Paar für sich austarieren: Was können wir uns vorstellen? Und natürlich auch: was kommt für uns auf keinen Fall in Fragen?

Wichtig ist, sich dabei klar zu machen: Fantasien sind nicht dasselbe wie Wünsche! Nicht selten träumt einer schon lange von einer sexuellen Handlung und merkt dann beim Ausprobieren, dass es doch nicht so toll ist, wie er es sich vorgestellt hat. Es kann aber schon Ihre Beziehung beleben, wenn Sie über solche Themen überhaupt ins Gespräch kommen.

Und es bedeutet ja auch nicht, dass jetzt jeder in den Swingerclub rennen muss, sondern mehr, dass die eigenen Grenzen hinterfragt werden. Wenn Sie z.B. sicher sind, dass SM für Sie nichts ist, könnte es vielleicht trotzdem interessant sein, dem anderen die Augen zu verbinden oder die Hände vorrübergehend ans Bett zu fesseln und die Kontrolle abzugeben? Absolute Grenzen des anderen sind natürlich immer zu respektieren, und gleichzeitig kann die eigene Grenze vielleicht auch ein kleines bisschen hinterfragt und verschoben werden. Manche Dinge verändern sich ja auch einfach, weil wir älter und selbstsicherer werden. Werden Sie kreativ!

Sie können z.B. eine erotische Wunschbox einrichten: darin schreibt jeder (erfüllbare) Wünsche auf Zettel auf. Immer, wenn Sie etwas für den anderen tun möchten, lesen Sie einen Zettel (die zwei Farben haben, so dass man erkennen kann, ob es die eigenen oder die des Partners sind). Kündigen Sie es nicht an, sondern tun Sie es einfach, wenn Ihnen danach ist. Das erhöht die Spannung.

Wenn Sie auch den 1. Teil zu diesem Fachartikel lesen wollen:

https://paar-fit.de/wenn-einer-mehr-lust-auf-sex-hat-als-der-andere/

Petra Schmitz-Blankertz

Petra Schmitz-Blankertz

Paar- und Sexualtherapeutin, Suchttherapeutin, Diplom-Sozialarbeiterin, Psychotherapeutin (nach Heilpraktikergesetz)

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