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Warum eine achtsame Berührung für die erotische Kompetenz wichtig ist:

Partnerschaft, Sexualität

Jeder erinnert sich bestimmt noch an eine Phase in seinem Leben, wo er total verliebt war, denn das ist eines der intensivsten Gefühle, die wir kennen. Wenn der Partner auch verliebt ist, dann kann man nicht die Finger voneinander lassen. Verliebte haben häufig und sehr intensiven Sex, alles ist neu und aufregend,
das Begehren entsteht schnell und spontan. Die Lust ist einfach da – ein nahezu paradiesischer Zustand, von dem Menschen mit sexuellen Problemen nur träumen können. (Ich gebrauche zur besseren Lesbarkeit nur eine Form, meine aber immer Frauen und Männer gleichermaßen),

In den meisten langjährigen Beziehungen reduziert sich die Häufigkeit von Sexualität im Laufe der Zeit; in manchen Beziehungen bleibt der Sex sogar komplett auf der Strecke. (Als Sexualtherapeutin bin ich davon überzeugt, dass in keinem Bereich so viel gelogen wird wie bei den Umfragen danach, wie oft Paare Sex haben. Lassen Sie sich also bitte nicht davon stressen, was angeblich „normal“ sein soll!).

Früher haben Fachleute gedacht, dass sich das sexuelle Verlangen automatisch durch das Älterwerden verringert.

Heute wissen wir, dass es weniger mit dem Alter, sondern mehr mit der Beziehungsdauer zu tun hat. Wir leben in einer Zeit, in der sich auch 70 oder 80-jährige noch auf die Suche nach einem neuen Partner begeben und – wenn sie verliebt sind – durchaus sexuell sehr aktiv sein können.

(Wenn Sie mehr zu dem Thema lesen wollen):https://paar-fit.de/wir-haben-nur-noch-selten-sex-miteinander-ist-das-normal-wo-bleibt-das-begehren-in-langjaehrigen-partnerschaften/

Wenn das spontane Verlangen oder Begehren in langjährigen Beziehungen also abnimmt, dann ist die Entscheidung gefragt, ob man Sex haben möchte. Das klingt vielleicht überraschend,
aber SexualtherapeutInnen hinterfragen genau das! „Warum wollen Sie überhaupt Sex haben?“.
Es gibt ja keinen Zwang oder äußeren Grund dazu (außer vielleicht, man möchte schwanger werden).
Übrigens antworten die Meisten meiner Klienten mit: „Weil es doch dazu gehört“ oder „Weil es doch normal in einer Ehe ist“.

Unsere Motivation, regelmäßig Sex haben zu wollen, hängt natürlich auch sehr davon ab, ob wir den Sex als ausreichend befriedigend und schön erleben.

So manche „lustlose“ Frau hat nach meiner Erfahrung nicht grundsätzlich wenig Lust, sondern häufiger keine Lust auf „schlechten Sex“ bzw. auf den Sex, der ihr geboten wird. Oder positiv ausgedrückt: sie kann dann wieder mehr Lust bekommen, wenn sie – gemeinsam mit ihrem Partner- eine andere Art von Sexualität entwickelt.

Übrigens: Nach einer Befragung des Instituts für Psychologie an der Universität Texas gaben Frauen 237 Gründe an, warum sie Sex haben – und nur ein Teil davon hatte mit Lust und Sexualität zu tun.

Manchmal liegen die Gründe für die Lustlosigkeit natürlich auch in der Paarbeziehung: wenn Frauen das Gefühl haben, dass sie insgesamt zu wenig Wertschätzung und Unterstützung von ihrem Partner bekommen, haben sie vielleicht auch keine Lust, im Bett auf seine Bedürfnisse einzugehen. (siehe auch: https://paar-fit.de/die-5-sprachen-der-liebe-teil-1/

Dann muss man zuerst die Beziehungsthemen klären, bevor es um die Sexualität geht (was ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen kann).

Wenn Sie mehr über die weibliche Lust lesen wollen: https://paar-fit.de/der-weibliche-orgasmus-und-der-g-punkt/

Warum ist nun Berührung für uns so wichtig?

Es gibt in der Haut Fasern, die nur Reize an das Gehirn weiterleiten, wenn die Berührungen mit einer bestimmten Qualität erlebt werden. Die Inselrinde im Gehirn ist  für die Wahrnehmung angenehmer und erotischer Gefühle zuständig. Vermutlich sind „CT-Fasern„(es gibt sie nur da, wo Haare auf der Haut sind) für die Übermittlung von sanften, langsamen Berührungen verantwortlich.

Der Tastsinn ist der erste der 5 Sinne, der sich beim Baby entwickelt. Ohne Berührung können Kinder nicht überleben! Durch Berührungsreize werden Hormone ausgeschüttet, die für das Wachstum der Zellen notwendig sind. Berührung als Kommunikationsform der Beruhigung wirkt deshalb meist schneller als ein Gespräch, weil es sozusagen „die erste Sprache“ ist, die wir als Baby lernen. (Wichtig für die Beruhigung von Babys sind außerdem eine ruhige, sanfte Stimme und eine entspannte Mimik.)

Bei der Geburt und beim Stillen wird – genau wie beim Sex – ein Hormon ausgeschüttet, das Oxytocin, das wir auch das „Bindungshormon“ nennen. Dasselbe Hormon wird übrigens auch bei langsamen und liebevollen Berührungen produziert; gleichzeitig werden Stresshormone (z.B. das Cortisol) heruntergefahren, wodurch  das Ruhe- und Bindungssystem des Körpers aktiviert wird. Und das nicht nur bei dem, der berührt wird, sondern auch bei dem, der berührt! Auch beim Küssen und beim Orgasmus wird eine größere Menge von Oxytocin produziert. Sex hat also viel mit gefühlter Nähe zu tun.

Das ist übrigens auch eine Erklärung dafür, warum wir doch häufig tiefere Gefühle entwickeln, auch wenn zwei Menschen vorher vereinbaren, dass es „nur“ beim Sex bleiben soll.

Sexualität ist ein lebenslanger Lernprozess. Das bedeutet, dass wir – egal in welchem Alter wir sind – immer wieder etwas dazu lernen können!

Dieser Lernprozess beginnt sofort nach der Geburt und geht über die gesamte Kindheit, z.B. die Frage, ob wir als Kind ausreichend (und natürlich auf eine angenehme und passende) Art berührt wurden und ob man auf unsere Bedürfnisse angemessen und achtsam eingegangen ist.

Achtsamkeit ist eine Fähigkeit, die man nur durch wiederholendes Üben erlernen kann. (Übrigens gibt es mehrere Studien, die belegen, dass es in Gesellschaften, wo es in der Kindheit mehr liebevolle Berührungen gibt, weniger Gewalt vorkommt. Das ist doch eine schöne Perspektive!)

Aber zurück zum Sex:

Zur erotischen Kompetenz gehört einerseits, den Partner sinnlich zu berühren und wahrzunehmen, wie das bei ihm ankommt und andererseits die Fähigkeit, sinnliche Berührungen genießen zu können. Für viele Menschen geht das einher mit einer achtsamen Haltung, die dem Partner das Gefühl vermittelt, gesehen und gewertschätzt zu werden.

Das Besondere bei Berührungen ist, dass durch das Gestreichelt werden die taktile Wahrnehmung und durch das Streicheln (Tasten) die haptische Wahrnehmung angesprochen werden; d.h. wir nehmen gleichzeitig uns selbst und den anderen wahr.

Die achtsame Haltung beginnt damit, dass wir präsent bei dem sind, was wir gerade tun. Wenn wir mit dem Gedanken woanders sind (z.B. bei den berühmten „To-do-Listen“), erleben wir Sexualität weniger intensiv. Das können wir verbessern, indem wir eine Zentrierung üben, also uns wieder ganz auf den Moment, das „Hier und Jetzt“ fokussieren.

In der Sexualität es geht natürlich auch um immer um die Beziehung zum eigenen Geschlecht (und damit ist körperlich das Genital gemeint, aber auch weiter gefasst die Frage: Wie stehe ich zu mir als Mann/als Frau?)

Begehren und die eigene Lust auf Sex zu zeigen, erfordert Mut. Wenn man sich seiner selbst sicher ist, kann man gelassen(er) auf ein „Nein“ oder „Das mag ich nicht“ reagieren. Häufig wird jedoch ein Korb als eine Abwertung der eigenen Person erlebt.

In meinen Sexualtherapien höre ich regelmäßig von sehr negativen Reaktionen (vor allem von Männern, aber es betrifft auch manche Frauen), die von Beleidigungen („Du bist ja nicht normal“) über Drohungen („Dann muss ich mir das wohl irgendwo anders holen“) bis hin zu Erpressungen und sogar tagelangem Schweigen reichen, wenn der Partner keine Lust auf Sex hat.

Auch Rollenerwartungen können zu festgefahren sein, z.B. die Idee, dass der Mann aktiv und die Frau passiv sein muss. Frauen wurden häufig noch so erzogen, dass sie nicht zu viel Initiative ergreifen sollen bzw. auch nicht „zu viel“ Spaß am Sex haben oder zeigen dürfen, und deswegen bringen sie wenig Veränderungsvorschläge ein.

Am Anfang einer Sexualtherapie bei Paaren, wo die Frau lustlos ist, geht es häufig um das Thema, dass sie sich von ihrem Mann bedrängt fühlt. Frage ich jedoch den Mann, was seiner Frau sexuell gefällt oder woran er merkt, dass sie erregt ist, kann er das oft nicht beantworten. Aber nicht, weil es ihn nicht interessiert (ganz im Gegenteil: er hat sie schon oft aufgefordert, ihm bitte zu sagen, wie sie es haben möchte!), sondern weil sie sich vielleicht recht passiv verhält. Und damit die gemeinsame Sexualität wenig gestaltet (also weder positiv durch Worte, Geräusche wie Stöhnen, Bewegungen etc. noch negativ durch Grenzziehung). Sie hat somit die Verantwortung für ihre sexuelle Lust an ihren Partner abgeben. Wenn einer von beiden sich beim Sex sehr kontrolliert, schmälert das den Genuss und die Lust für beide.

In der Sexualtherapie geht es also nicht nur um die Frage, warum man überhaupt Sex haben möchte, sondern auch darum, wie man die „Komfortzone“ verlassen kann (damit meinen wir das Bekannte, was natürlich nicht dasselbe ist wie das Angenehme)?

siehe auch: https://paar-fit.de/therapeutisches-vorgehen-bei-weiblicher-lustlosigkeit-teil-2/

Was wäre für Sie denn die nächste kleine Herausforderung in punkto Sexualität?

Sexuelle Selbstsicherheit und erotische Kompetenz sind nicht angeboren – wir erlernen sie durch Erfahrungen von Körperkontakt und Nähe. Ein sexuell sicherer Mensch kann seine Erregung genießen, es dem Partner zeigen und ist stolz auf sein Geschlecht. Er hat ein Bewusstsein für seine Kraft und Potenz, kann seine Bedürfnisse kommunizieren und Grenzen ziehen. Das ist leider nicht jedem gegeben (weil wir nicht alle nur positive Erfahrungen machen), aber jede(r) kann sich in diesem Bereich weiter entwickeln – durch Achtsamkeit, offene Gespräche und Berührungen! Sexualität ist eben nicht „die natürlichste Sache der Welt“, sondern sie ist ziemlich störanfällig.

Wenn Sie zu diesem Thema weiter lesen wolle, empfehle ich folgendes Buch:https://www.amazon.de/Sinnliche-Intimit%C3%A4t-Ber%C3%BChren-ber%C3%BChrt-werden-ebook/dp/B08286RV71/ref=sr_1_2?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&crid=3SZ6YW8FLYP58&dchild=1&keywords=susanna+sitari&qid=1620227182&sprefix=susanna+sit%2Caps%2C166&sr=8-2

Petra Schmitz-Blankertz

Petra Schmitz-Blankertz

Paar- und Sexualtherapeutin, Suchttherapeutin,Diplom-Sozialarbeiterin, Psychotherapeutin (nach Heilpraktikergesetz)

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