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Wo bleibt die weibliche Lust? (Teil 1)
24. Mai 2019
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Auf der Suche nach der weiblichen Lust:

In meine Praxis für Paar – und Sexualtherapie kommen regelmäßig Paare, die einen Konflikt darüber haben, dass sie ein unterschiedlich großes Bedürfnis nach Sexualität haben. Bei Fortbildungen höre ich zwar immer mal wieder, dass auch heute zunehmend Männer unter Lustlosigkeit leiden – in meiner Praxis sind es jedoch in der Regel die Frauen, die wenig Lust haben und die Männer, die sich darüber beklagen.

(Bei den sogenannten „lustlosen“  Männern lohnt es sich auch immer, eine genaue Exploration zu machen, denn nicht selten ist es mehr die Angst vor Erektionsproblemen, die zu einem Vermeidungsverhalten führt oder ein häufiger Pornokonsum mit exzessiver Masturbation – und in beiden Fällen kann Mann oft nicht mit seiner Partnerin darüber sprechen).

Aber zurück zu meinem heutigen Thema: der weiblichen Lust! Lange hat man in der Sexualtherapie gedacht, dass man die Menschen nur von Verboten und moralischen Einengungen befreien muss, damit sie ihre körperliche Lust er- und ausleben können. Dies betraf natürlich besonders Frauen, die schnell einen „guten Ruf zu verlieren“ hatten, auf keinen Fall als „leichtes Mädchen“ oder noch schlimmeres angesehen werden wollten und sich deswegen oft zurück hielten. Oder auch einfach ganz oft nicht vorbereitet bzw. aufgeklärt waren und das mitmachten, was ihre (Ehe-) Männer wollten.

Dazu eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs:

„Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt. Wenn es ihr infolge ihrer Veranlagung oder aus anderen Gründen (…) versagt bleibt, im ehelichen Verkehr Befriedigung zu finden, so fordert die Ehe von ihr doch eine Gewährung in ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft und verbietet es, Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen. Denn erfahrungsgemäß vermag sich der Partner, der im ehelichen Verkehr seine natürliche und legitime Befriedigung sucht, auf die Dauer kaum jemals mit der bloßen Triebstillung zu begnügen, ohne davon berührt zu werden, was der andere dabei empfindet. (…) Deshalb muss der Partner, dem es nicht gelingt, Befriedigung im Verkehr zu finden, aber auch nicht, die Gewährung des Beischlafs als ein Opfer zu bejahen, das er den legitimen Wünschen des anderen um der Erhaltung der seelischen Gemeinschaft willen bringt, jedenfalls darauf verzichten, seine persönlichen Gefühle in verletzender Form auszusprechen.“

Aha- alles klar! Die Frauen sollten also mit ihren Ehemännern (außerhalb oder vor der Ehe natürlich nicht!) regelmäßig schlafen und – wenn sie daran keinen Spaß hatten – es sich bitteschön nicht anmerken lassen, denn der Mann habe ja ein Bedürfnis nach „natürlicher und legitimer Befriedigung“. Lustlosigkeit war nach dieser (sehr männlich geprägten) Auffassung entweder eine „Veranlagung“ oder sie „hat andere Gründe“. Dass diese Gründe in einer lustfeindlichen Erziehung oder einer moralisierenden katholischen Reglementierung liegen können, wird ebenso wenig in Erwägung gezogen wie vielleicht, dass der Partner etwas falsch machen könnte oder die Frau sogar schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht hat. In dieser Zeit sprach man auch von „weiblicher Frigidität“- ein Begriff, der zum Glück seit vielen Jahren von Fachleuten nicht mehr benutzt wird.

Und was glauben Sie, aus welchem Jahr dieses Urteil des BGH stammt?

Es ist aus dem Jahr 1966 – also gut 50 Jahre alt. Das mache ich mir immer klar, wenn wir erstaunt oder entsetzt darüber sind, wie in anderen Teilen unserer Erde Frauen unterdrückt werden- soooo lange gibt es bei uns auch noch keine Gleichberechtigung (und sie ist ja auch hier noch nicht in allen Bereichen umgesetzt).

Wenn aber Frauen in Westeuropa heute gut aufgeklärt und informiert sind, Zugang zur Pornografie haben, in Foren oder über Tinder schnelle Dates finden, one-night-stands erlaubt sind usw., usw.- also kurz gesagt, wenn heute bei uns fast alles möglich und erlaubt ist- warum gibt es sie dennoch – die lustlosen Frauen?

Zunächst muss einmal gesagt werden, dass es sich bei diesem Thema nicht unbedingt um ein Symptom handeln muss, denn ganz entscheidend ist hier der Leidensdruck. Wenn eine Frau (und natürlich auch ein Mann) von sich sagt, dass sie kein Bedürfnis nach Sexualität hat und dass sie damit zufrieden leben kann- dann hat sie keinen Leidensdruck! Seit Jahren tauschen sich Menschen, die sich z.B. als „asexuell“ bezeichnen, im Internet darüber aus und wehren sich dagegen, dass dies von anderen als anormal oder behandlungsbedürftig angesehen wird.

Ein Problem bekommt man in der Regel ja nur und erst dann, wenn man in einer Zweierbeziehung lebt, und der Partner ein größeres Bedürfnis nach Sex hat und dies mehr oder weniger offensiv auch einfordert. Häufig höre ich von den Paaren in meiner Praxis, dass der Mann sich dann mürrisch oder verletzt zurück zieht, schlechte Laune verbreitet, manchmal tagelang schweigt usw. Natürlich hat ein Mann (oder auch im umgekehrten Fall eine Frau) das Recht darauf, enttäuscht zu sein, wenn er sich auf eine erotische Begegnung mit seiner Partnerin gefreut hat! Häufig wird aber von ihm vermittelt, dass er „ein Recht darauf habe“ und die Frau „nicht normal“ sei, und sie wird dann mit Liebesentzug bestraft. So fangen diese Frauen schon bei der kleinsten Berührung an, nachzudenken: „Bestimmt will er gleich wieder Sex – aber ich eigentlich nicht. Aber ich habe schon beim letzten Mal abgelehnt – das kann ich nicht schon wieder tun. Und beim letzten Mal hat es drei Tage gedauert, bis er wieder normal mit mir gesprochen hat….“

Sie ahnen es schon: wenn man das kleinste Übel wählt, kann wohl kaum Lust entstehen! So hat mir eine Klientin berichtet, ihr Mann habe ihr – nachdem sie in vielen Bereichen Konflikte miteinander hatten – gesagt, dass sie ihn zweimal pro Woche mit der Hand befriedigen soll, wenn sie schon nicht mit ihm schlafen wolle – ansonsten würde er sich von ihr trennen.

Heute ist (nach Ulrich Clement) Sex eine Option, die man wählen kann- oder auch nicht.

In der Sexualtherapie gibt es drei verschiedene Ausgangssituationen, wenn man mit lustlosen Frauen zu tun hat:

  1. Die Frau hat keinen Leidensdruck für sich selbst, aber sie leidet darunter, dass ihr Partner unzufrieden ist: „Wenn es nach mir ginge, könnte ich gut komplett auf Sex verzichten, aber für ihn geht das gar nicht. Ich habe Angst, dass er mich auf Dauer deswegen verlassen wird.“
  2. Die Frau hat einen gewissen Leidensdruck, obwohl ihr Partner die gemeinsame Sexualität o.k. findet: „Er beschwert sich nicht, aber ich glaube schon, dass er gerne mehr hätte. Und für mich habe ich das Gefühl, dass doch auch noch mehr an Leidenschaft oder Lust drin sein könnte – wenn ich da so andere Frauen höre…“
  3. Die Frau verspürt einen Leidensdruck in Bezug auf ihre eigene Sexualität und in Bezug auf den Paarkonflikt: „Ich weiß, dass ich ein Problem mit Sex habe- und wünsche mir selber, dass ich es mehr genießen könnte. Und wenn mein Partner dann auch noch frustriert ist, dann geht es mir noch schlechter damit…“

In allen drei Fällen ist es sinnvoll, mit dem Paar darüber zu sprechen, was für sie bzw. ihn Sexualität bedeutet, denn es werden ja viele verschiedene Bedürfnisse angesprochen. Hier sind einige Beispiele von dem, was ich von Klienten höre:

  • Das Bedürfnis nach körperlicher Befriedigung und Entspannung
  • Das Bedürfnis, mich lebendig und energievoll zu fühlen
  • Das Bedürfnis, mich attraktiv und begehrenswert zu fühlen
  • Das Bedürfnis, als Frau/Mann bestätigt zu werden
  • Das Bedürfnis, mich mit meinem Partner verbunden zu fühlen
  • Das Gefühl, dass Sex etwas ist, was nur mein Partner und ich miteinander teilen
  • Das Bedürfnis nach Körperkontakt und Nähe

Ein weiteres Thema ist,  wie die Unterschiede in der Lust auf Dauer dazu geführt haben, dass man in eine Sackgasse geraten ist, weil er (scheinbar) ständig will und sie (scheinbar) nie. Der, der mehr will, zieht sich irgendwann frustriert und gekränkt zurück – und der andere empfindet das als Liebesentzug und Verlust von Nähe, was erst recht dazu führt, dass keine erotische Situation mehr entstehen kann. Beide schützen sich vor erneuten Verletzungen (z.B. das Gefühl, nicht geliebt zu werden) und können ein Begehren oder ein „Wollen“ so gar nicht mehr spüren!

Um dieses Muster zu unterbrechen, lasse ich z.B. beide Partner aufschreiben, was sie glauben, wie oft der andere im Monat Sex haben möchte und wie oft sie selber. Regelmäßig kommt dabei heraus, dass die Frau z.B. denkt, dass ihr Mann viel öfter will als er selber sagt. Und er meint, sie will viel seltener als sie es von sich annimmt.

Im therapeutischen Prozess geht es dann um das Suchen nach eigenen erotischen Möglichkeiten. Das ist gar nicht einfach, denn viele Frauen wissen zwar, was sie NICHT wollen, haben aber nicht unbedingt eine Vorstellung darüber, was sie WOLLEN. Und die Männer sind an der Stelle ja oft hochmotiviert nach dem Motto: „Sag mir doch bitte, was dir gefällt- ich möchte es hören und auch gerne umsetzen“.  Oft wissen es die Frauen eben selber nicht- oder sie trauen sich nicht, es ihrem Partner zu sagen- und dieser tappt dann über Jahre vielleicht buchstäblich im Dunkeln. Männer beschreiben mir dann, dass sie kaum eine Reaktion bei ihrer Partnerin sehen– weder verbal („ja, gut so – weiter-nicht so fest etc.) noch nonverbal (stöhnen, atmen, keuchen, schwitzen, wegdrehen, mit der Bewegung dahingehen etc.). Also machen sie das weiter, von dem sie GLAUBEN und HOFFEN, dass es der Partnerin gefällt oder womit sie einverstanden ist. Wie oft habe ich schon in meiner Praxis von Paaren gehört: „Darüber haben wir noch nie gesprochen!“

 

So lange der eine nicht sagt, dass er etwas nicht (mehr) möchte (der Geschmack und die Empfindungen können sich ja auch im Laufe der Zeit ändern!), muss doch der andere davon ausgehen, dass es für ihn in Ordnung ist. Und so entstehen ganz schnell Missverständnisse, denn jedes Mal, wenn die Frau etwas mit sich machen lässt, was ihr nicht gefällt (z.B. „Wenn er meine Brüste knetet, dann finde ich das nur unangenehm“), geht sie emotional und mit ihrer Lust auf Distanz zu ihm – und er ist zunehmend frustriert, weil sie beim Sex so wenig Initiative zeigt. Und dann erzähle ich den (zugegeben alten) Witz von dem Ehepaar, dass sich seit 40 Jahren morgens beim Frühstück ein Brötchen teilt:

Eines Tages sagt er: “ Ich habe dir immer die obere Hälfte überlassen, weil Du die ja lieber magst“.

Sie: „Nein,  das stimmt doch gar nicht! Ich habe immer die obere Hälfte genommen, weil ich dachte, Du magst lieber die untere!“

Er: „Ich hätte lieber die obere gehabt, habe mich aber nicht getraut, es Dir zu sagen…“

 

Tja, hätten sie mal früher darüber gesprochen….

In meinem nächsten Blog werde ich in einem zweiten Teil zu diesem Thema schreiben, wie die Suche nach der eigenen Lust therapeutisch unterstützt und begleitet werden kann.